Augmented und Virtual Reality sind aller Wahrscheinlichkeit nach die nächsten großen Meilensteine in der Entwicklung digitaler Medien. Google hat mit Google Glass schon 2013 gezeigt, wie Augmented Reality im Alltag aussehen kann. Seitdem hat sich die Hardware deutlich weiter entwickelt. Das entscheidende Problem mit dieser neuen Hardware ist, dass sie auch benutzerfreundliche Software und vor allem Käufer der Geräte braucht, um die Produktion dieser Software und der Weiterentwicklung der Hardware finanzieren zu können. Diese Käufer konnte Google damals noch nicht für sich gewinnen. Statt dessen wurde in den folgenden Jahren ein direkterer und intuitiver Zugang zu dieser Technologie gesucht und gefunden. Virtual Reality hält aktuell in die Computerspielindustrie Einzug und feiert dort Erfolge im Massenmarkt. Mit Marken wie Oculus Rift und HTC Vive ist Virtual Reality in vielen privaten Haushalten angekommen und mit Playstation VR von Sony sogar auf den heimischen Spielekonsolen. Dabei wird die Technologie von VR kombiniert mit der Bewegungseingabe, mit der die Nintendo Wii vor über 10 Jahren den Spielemarkt revolutionierte.

Animationen kommen aber auch insgesamt immer mehr in der breiten Masse an. Als Beispiel möchte ich hier die App Talking Tom ansprechen. Die eigene Stimme wird aufgenommen, in der Tonhöhe leicht verändern und wird aus der aufgenommenen Tonspur die Lippenbewegung einer Katze animiert. Dadurch sieht es so aus, als würde die Katze selbst sprechen.

Parallel zu Virtual Reality gab es in den letzten Jahren einen weiteren großen Trend. Immer besser werdende Technologie lässt animierte Figuren immer menschenähnlicher aussehen. Professionelle Animateure stehen dabei aber vor dem gleichen Problem, wie wir zu Hause: Wie soll man diese detaillierten Animationen gestaltet werden? Hunderte kleiner Bewegungen der Muskulatur mussten früher einzeln einprogrammiert werden. Doch dann kam das Motion Capturing. Menschen und ihre Bewegungen bis hin zum kleinsten Gesichtsmuskel werden in Echtzeit aufgenommen und die Daten daraus werden in Informationen für die Animation umgewandelt. Allerdings reicht der Lohn eines Lehrers nicht aus, um sich in Andys Serkis MoCap-Studio einzumieten.

Interessant wird es nun, wenn alle vier Technologien aufeinander treffen. Die bewegungssensitiven Controller aktueller VR-Geräte erlauben das Motion Capturing im eigenen Wohnzimmer. Die App Mindshow ist aktuell noch in der Alpha Version und nicht öffentlich verfügbar. Apps wie Talking Tom gibt es mittlerweile mit unterschiedlichsten Figuren und Animationen.

Wesentlich an dieser Entwicklung ist folgendes:
Technologien, die heute noch neu sind, werden in Zukunft für jeden zugänglich sein. Und damit meine ich Lehrende und auch Lernende. Wir können sie zu unserem Vorteil nutzen und haben die Verpflichtung, für unsere Schülerinnen und Schüler potentielle Gefahren und Möglichkeiten dieser Technologien zu reflektieren. Früher müsste man Programmiersprachen beherrschen, um eine Homepage zu erstellen. Heute verwendet man WordPress, welches nicht schwerer zu bedienen ist, als ein Textverarbeitungsprogramm. Und genauso wird auch der Weg für Animationen verlaufen. Natürlich wird der Arbeitsmarkt weiterhin Entwickler von Soft- und Hardware brauchen. Aber diese Entwickler werden Programme erstellen, die neue Technologien der breiten Masse zugänglich machen. Und diese neuen Technologien werden Alltag der Berufstätigen sein, die heute noch unsere Schülerinnen und Schüler sind.

Einsatzmöglichkeiten im Unterricht:
Apps wie Talking Tom erweitern auf eine erfrischende Weise das Repertoire für eigene Videos und Produktionen. Man kann sie als Sprecher einsetzen oder als Alter Ego. Wie witzig wäre eine Diskussion zwischen Lehrer und Katze, im Stil eines Bauchredners? Man müsste nur vorher die Katze aufnehmen und zum Video dazu sprechen. Dazu braucht man lediglich diese eine App und ein gutes Konzept. Natürlich sieht das auf den ersten Blick völlig unnötig aus. Aber man kann dadurch Situationen schaffen, die nicht alltäglich sind und bei den Lernenden positive emotionen auslösen, was den Lernerfolg erhöhen kann. Außerdem gibt es oft rechtliche Probleme. Schülerinnen und Schüler dürfen gar nicht oder nur mit ausdrücklicher Genehmigung gefilmt werden. Die sprechende Katze erzeugt einen guten Kompromiss, indem sie eine Figur liefert, zu der der Zuhörer eine Bindung aufbauen kann, ohne dass ein echter Mensch vor der Kamera stehen müsste. Die Stimmverzerrung macht eine Identifikation des Sprecher quasi unmöglich.

Anspruch und Aufwand:
Videos mit Apps wie Talking Tom zu erstellen dauert nur ein paar Minuten. Die Einarbeitungszeit ist quasi nicht vorhanden. Für selbst erstellte 3d-Animationen gilt das heute noch nicht. Ich bin aber optimistisch gespannt, was die Zukunft an Möglichkeiten bringt und wie sich Programme wie Mindshow weiter entwickeln werden. Der Trick hierbei ist es, die zur Verfügung stehenden Mittel kreativ einzusetzen. Man braucht nicht viel Zeit oder Können. Man braucht nur eine gute Idee.